Frühjahrsgymnastik

oder warum es für die DDR so viele Medaillen, aber wenig Nachwuchs gab

Über die kalten Monate den Körper in eigene Polster gehüllt und seit Neujahr auch noch gute Vorsätze mit sich geschleppt? "Der Winterspeck muss weg" reimen die Boulevardblätter und die Trottelsendungen im Nachmittagsprogramm stimmen mit "Schlanker, schöner, erotischer - so schaffst du es" ein.
Die immergleichen, von Zeitungspraktikanten zusammengestellten Fitness- und Freizeittipps hängen einem bereits zum Hals heraus. Genauso wie die zwischen Klatschspalte und Horoskop gereichten Vitaminsalätchen. Etwas mehr feuert das eigene Spiegelbild an, den Leib zu straffen und dessen Form wiederzufinden.
Nicht nur motiviert, sondern auch fortschrittsgläubig denkt man sofort an die optimale Ausrüstung. Der an den Fernsehsessel angepasste Jogginganzug tut es da nicht mehr. Die Styles und Trends kommen aus dem Katalog der Sportswearvertreiber, vorgeführt von den Ranken und Schlanken mit freiem, gestähltem Bauchnabel und perfekten Zahnreihen. Dazwischen Essentielles über die Sportbekleidung: Flachnähte werden nicht nur als Funktionsdetail, sondern auch farblich abgesetzt als Design-Element getragen. Das ist genau das Fachwissen, welches vom Einzelhandelsverkäufer vorgetragen, uns Ahnungslose in die Knie und zum Erwerb zwingt. Bis wir uns wieder in dieser Kombination erheben: Superbequeme Wellnesshose, hochelastisch mit Tunnelzugbund oder Beinabschluss mit Quick-Snap-Verschluss, wahlweise ganz starke Dancepants aus Microfaser, mit vorgeformter Kniepartie, dazu ein lässiges Fitnesstop und darüber eine feuchtigkeitstransportierende Laufweste mit Reflektoren, nicht zu vergessen die Kurzsocke für den Trend ‘Capri-Hose’.
Alles im Programm, nur für den Schweiß muss man selbst sorgen. Welche Körperschule soll es denn sein? Es gibt eine vielversprechende Möglichkeit aus der Zeit, als Jane Fonda Aerobic erfunden hat. Während im Westen Fitness-Clubs die Lücke zwischen Vereinsturnen und Sonnenstudios schlossen, wurde in der entgegengesetzten Himmelsrichtung Wert auf schlichte, aber effektive Körperertüchtigung gelegt. Und damit erwies sich die Deutsche Demokratische Republik als Medaillenabräumer auf sämtlichen sportlichen Großereignissen. Erinnern wir uns an das gesamtdeutsche Dilemma von Sydney. Es lag nicht an mangelndem oder mangelhaftem Doping. Nein, die richtige, systematische Vorbereitung wurde einfach von der einstürzenden Mauer begraben. Doch jetzt entsteigt sie wieder den Trümmern zum Wohle der fitnesswilligen Allgemeinheit. Also, rein in den Dress, raus an die frische Luft und ran an den Partner:
Jens aus Jena und sein bulgarischer Sportsfreund Iwan demonstrieren ihre farbigen Spaghettitops und "100 kleine Zweikampfübungen" für jedermann. Oder lassen wir uns lieber von Covergirl Silke und Coverboy Maik zu "Muskelkraft durch Partnerübungen" animieren. Mutig und entschlossen stellen sich die sympathische Zugbegleiterin und begeisterte Sportsockenträgerin und der Rettungsschwimmer aus Kühlungsborn den Herausforderungen der körperlichen Spannkraft.

Silke und Maik führen die Übung ‘Ostbock mit Kerze’ vor

Doch bei dem, was man sonst noch unter Partnerübungen verstehen kann, erweisen sich die beiden als etwas orientierungslos. So macht man zwar im Medaillenspiegel einen guten Eindruck, aber nichts für die Bevölkerungsstatistik. Da bleibt der kleine Genosse eben in der schnieken Kurzhose für volkseigene Supermänner. Mehr Talent zeigen dafür Jens und Iwan im Verlauf der Turnstunde (siehe Abbildung). Geschickt verbinden sie - egal ob in kurzen oder langen Latexhosen - auf scheinbar spielerische Weise Sport und Spaß.
Möglicherweise ist das doch alles ein bisschen viel für den Anfang. Bleiben wir vorerst noch in der alten Jogginghose und im Fernsehsessel, denn BBC hat das Video "The Teletubbies, go!" auf Lager. Darauf zeigen die tropfenförmigen Knilche wie toll es ist, durch die Gegend zu hampeln, zu hüpfen oder sich auf ein Bein zu stellen.